Ist Bio das neue ‚Craftbier‘ ?

Ein paar Gedanken anlässlich der Biofach 2018 in Nürnberg

Was gibt’s Neues im Biobier-Sektor?

 

Wieder einmal habe ich mich auf den Weg zur Biofach in Nürnberg gemacht, um mit Biobrauern zu sprechen, um Neuigkeiten kennenzulernen und wieder einmal den so mageren Sektor der Biobiere in Deutschland weiter zu hinterfragen.

Seit dem Erscheinen meines Bio-Bierführers Deutschland im Jahr 2012 hat sich nicht wirklich viel getan in diesem Bereich. Ok, einige neue Betriebe sind hinzugekommen, einige haben aber auch aus wirtschaftlichen Gründen kapituliert, brauen nun ihr Bier nur noch ‚konventionell‘. Auch die Verkaufszahlen des Buches sprechen für sich, kaum jemand interessiert sich dafür, ob das Bier nun aus ökologischen Rohstoffen hergestellt wurde oder nicht. Vielleicht hat da ja jemand eine Idee, wie man das den Konsumenten näher bringen könnte… Ich freu mich auf Rückmeldungen…

Konventionelle Biere sind rein im Sinne einer Verkehrsfähigkeit

Zugegeben: ‚Unser Bier ist rein‘, dieser gern gebrauchte Satz in der Branche trifft natürlich zu, denn alle auf dem Markt erhältlichen Biere sind selbstverständlich verkehrsfähig und dementsprechend ‚rein’ für den Verbraucher. Durch den normalen Reifeprozess des Bieres wird während seiner Produktion alles abgebaut, was einer mangelnden Reinheit im Sinne des historischen Reinheitsgebotes und des Vorläufigen Biergesetzes zuwiderlaufen würde. Inzwischen gibt es ja auch genügend ‚Hilfsmittel‘, störende Inhaltsstoffe am Ende eines eventuell nicht komplett durchgeführten Reifeprozesses wieder aus dem Bier herauszubekommen, damit es einer Verkehrsfähigkeitsprüfung genügt. Was das Vorläufige Biergesetz so alles erlaubt, könnt Ihr ja dort nachlesen…

 

Reinheitsgebot kontra Natürlichkeitsgebot

Dass dies allerdings manchem Brauer nicht ausreicht, zeigt zum Beispiel die relativ neue Bewegung einiger Brauer, die für ein so genanntes Natürlichkeitsgebot plädieren. Als ‚Deutsche Kreativbrauer‘ haben sie mal all diese Punkte äußerst übersichtlich auf ihrer Internetseite zusammengestellt und zeigen auch dem Laien anschaulich, dass Reinheit nicht gleich Reinheit ist.

Gerade diese durch das Reinheitsgebot vermittelte Freisprechung aller konventionell erzeugten Biere macht es nicht nur den Biobrauern schwer, sich auf einem eh schon schrumpfenden Markt zu behaupten bzw. zu etablieren. Und nur Biere für eine militante Öko-Fraktion brauen will man ja auch nicht…

Aussagen vieler Brauer wie zum Beispiel ‚wozu brauchen wir Bio, wir haben doch das Reinheitsgebot‘ belegen deutlich, dass eine legale Untergrenze für Bierqualität natürlich vorhanden ist, das Potenzial bzw. die enorme Luft nach oben aber weitestgehend verkannt wird. Niemand wird abstreiten, dass ökologisch erzeugte Rohstoffe andere Inhaltsstoffe aufweisen als konventionell erzeugte. (Die Betonung liegt bewusst auf ‚andere’, denn die Diskussion konventionelle Spritzmittel kontra ökologisch zumindest in gewissem Maße erlaubtes Kupfersulfat ist noch nicht endgültig geführt…)

 

Keine Abschaffung der Reinheitsgebotes

Ich bin in keinster Weise ein Verfechter der Abschaffung des Reinheitsgebots.Denn es stellt in umgekehrter Richtung eine wichtige Schwelle zur Abgrenzung von Bieren dar, die mit minderwertigen, billigsten Rohstoffen weitab eines Reinheitsgebotes hergestellt werden.

Welcher Biertrinker liest schon die Zutatenliste (bzw. kann auch nur im entferntesten interpretieren, ob Hopfenextrakt oder Röstmalzbier nun böse ist oder nicht) oder hält dies auch nur ansatzweise für wichtig, wenn ein Kasten ‚deutsches‘ Bier für unter sechs Euro erhältlich ist? Wenn daneben ein Kasten für vier Euro steht, ist es da wichtig, ob da nur Reis, Mais und andere Extrakte drin sind?

Auf der anderen Seite muss es jedoch dem mündigen Bürger, der es genau wissen möchte, möglich sein, genau zu erfahren, was alles in seinem Bier drin ist, bzw. mit welchen Methoden es behandelt wurde, die zwar erlaubt sind (siehe Vorläufiges Biergesetz), aber einem Biertrinker im Leben nicht in den Sinn kommen würden, dass ‚sein’ Bier so behandelt/misshandelt? wurde). Aber das ist eine andere Geschichte. Deklarationspflicht und so… folgt…

Daher darf das Reinheitsgebot in seiner heutigen Form einerseits nicht abgeschafft werden, es muss aber andererseits auch mehr Luft nach oben sein. Die ersten Ansätze hierzu haben die deutschen Kreativbrauer ja bereits formuliert.

 

Genussmittel statt Rauschmittel

Nicht nur für die immer gern verächtlich als ‚Ökos‘ titulierten Biokäufer, die dann eben auch ihr Bier in Ökoqualität kaufen, sondern auch und vor allem für alle Genusstrinker, denen sich gerade durch die momentane Craftbierbewegung ein unerschöpfliches Universum an internationalen Bieren und Bierstilen eröffnet, sei es durch den florierenden Import und Internethandel, sei es durch die vielen neuen Brauereien, die plötzlich diese Bierstile interpretieren und nachbrauen (Die Qualität hierbei ist allerdings eine andere Frage, hier wird sich über die Zeit die Spreu vom Weizen trennen), stellt ‚Bio’ eine weitere qualitative Schwelle nach oben dar.

Diese Craft-, handwerkliche, natürliche oder Kreativbrau-Bewegung ist nun genau dies, was der Biobrauer schon seit Jahren propagiert: Bier, hergestellt mit ökologischen Rohstoffen, minimalste Eingriffe in die seit Jahrhunderten gewachsene und weiterentwickelte Herstellung guter Biere. Die Öko-Vorschriften und weitergehend die Richtlinien der einzelnen Verbände die es zur Herstellung ökologischer Biere gibt, sprechen für sich.

Weiterentwicklung des Craftbiers

Wäre dann nicht die Herstellung ökologischer Biere die einzig logische Konsequenz zur Fortführung von Craftbier, Kreativbier, natürlichem Bier, reinem Bier?

Dies natürlich immer nur gemessen an der nach oben offenen Bierqualitätsskala und nicht nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner eines verkehrsfähigen Getränks, das in Deutschland entsprechend dem Vorläufigen Biergesetz auf den Markt für uninteressierte, nicht hinterfragende Konsumenten gebracht werden darf, die vor allem Trinken, damit es wirkt? Mal ganz ehrlich: Ist es denn nicht der extrem niedrige Preis für ein berauschendes Lebensmittel, der hier im Vordergrund steht? Sozusagen ‚Win-Win‘ ?

Unbeirrbare Biobier-Verfechter auf der Biofach 2018

Wahrscheinlich ist es so, nichts desto trotz möchte ich Euch hier die Neuigkeiten der diesjährigen Biofach vorstellen. Allesamt Überzeugungstäter, zwar auf einem riesigen Biomarkt, jedoch auf einem winzigen Biobiermarkt.

 

Nicht zuletzt durch die konsequente Umsetzung und strikte Verfolgung des Neumarkter Biopioniers und Marktführers Neumarkter Lammsbräu sind ökologisch erzeugte Biere doch in einigen Nischen präsent und beliebt.

Glutenfreie Produkte boomen und so haben die Neumarkter nun auch drei solche Biere im Sortiment. Neu für das Jahr 2018 kommt nun ein Zwicklbier hinzu, ebenso wie ein Mischgetränk aus Weißbier und Grapefruit.

Nach wie vor auf dem glutenfreien Segment unterwegs sind Schnitzer Bräu. Eigentlich ein Hybride, denn Schnitzer steht für hochwertige Getreidemühlen. Ehemals begonnen auf einer eigenen kleinen Brauanlage, befindet sich nun ein Hirsebier, ‚hergestellt im Schwarzwald’ im Sortiment des Getreidemühlenherstellers. Ebenso wie die Mischgetränksvariante mit Lemon, um alle Glutenfrei-Trinker abzuholen.

Ebenfalls unbeirrbar nach ökologischen Kriterien braut Familie Krieger in Riedenburg ihre Biere. Als mit Maximilian Krieger vor einigen Jahren die nächste Generation mit Doldensud und Co. die ökologische Craftbierlinie eröffnete, war der Zuspruch groß. Ist dies nicht die oben erwähnte Zukunft des wahren Craftbiers? Zumindest ist Maximilian Krieger Gründungsmitglied der Deutscher Kreativbrauer… Um das Angebot internationaler Sorten abzurunden, kam letztes Jahr mit Dolden Null ein kaltgehopftes Alkoholfreies Bier auf den Markt, und mischt damit den so drögen Markt alkoholfreier Biere gehörig auf. 2018 wird das Dolden Hell, ein kaltgehopftes Untergäriges das Sortiment ergänzen.

Rudi Hirz aus Hauzenberg mit seiner Apostelbräu (siehe Bierführer Ostbayern) braut schon seit 1990 mit alternativen Getreidesorten wie zum Beispiel Dinkel, Emmer, Einkorn, Hafer. Immer mehr seiner Sorten sind nun auch in Bioqualität erhältlich und warten mit individuellen Aromen der einzelnen Getreidesorten auf: Nussig, cerealig, würzige Süße und immer wieder fruchtig-bananig mit den Noten obergäriger Hefe eingebraut, lassen sich im hintersten Zipfel Bayerns äußerst individuelle Biere finden. (Der schlechte Schaum im Glas liegt am mangelhaft gespülten Glas durch die Messedienstleistungsgesellschaft ;-))

Ebenfalls langjähriger Ökoaktivist aus der Rhön ist die Brauerei der Familie Weydringer mit ihrem Rother Bräu aus, ja genau, Roth in der Rhön. Alleinstellungsmerkmal der Weydringers ist vor allem ihr ökologisches Mischgetränk Bier & Apfel, eine Apfelschorle der anderen Art. Natürlich auch vorgestellt im Bio-Bierführer Deutschland.

Seit nun bereits zwei Jahren auf der Biofach, stellt die konventionell arbeitende Schlossbrauerei Friedenfels ein ökologisches Zoigl-Bier namens Rock Bio-Zoigl in ihrem Sortiment vor. Als sozusagen öko-logische Konsequenz aus Zoigl-Region und eigener Öko-Landwirtschaft und Quellwasser aus dem Naturpark Steinwald gibt’s jetzt auch was in Bio.

Außerhalb Bayerns wird allerdings auch rege in Bioqualität gebraut. In Leutkirch im Allgäu erweitert Gottfried Härle sein Biosortiment langsam aber stetig, neben ökologischen Limonaden sind inzwischen vier seiner Biere mit ökologischen Rohstoffen hergestellt. Dem einen oder anderen mag er durch seine (ungewollte) Pressepräsenz im Streit um sein als ‚bekömmliches’ Bier beworbenes Bier bekannt sein. Inzwischen beim BGH angekommen, wird eine Entscheidung am 17. Mai 2018 erwartet.

Auch im baden-württembergischen Crailsheim besinnt man sich auf die Herstellung ökologischer Biere. Die Biermanufaktur Engel hat bereits vier ihrer Biere auf Bio umgestellt. Auf Nachfrage, ob es nun so weitergehen soll, erfuhr ich, dass nun erst mal der Erfolg des noch so jungen Projekts abgewartet wird, dann sehe man schon.

Ebenfalls auf der Messe vertreten war die Härtsfelder Familienbrauerei Hald aus Dunstelkingen, auch bereits im Bio-Bierführer gelistet. Ihr neues Export alkoholfrei hab ich probiert. Wunderbar malzig-rund, fast nussig und geschmackvoll.

Weiter aus dem Norden war aus Münster ein Urgestein der ökologischen Brauszene anwesend: Die Brauerei Pinkus Müller aus Münster. Ihr klassisch norddeutsches Sortiment mag für den einen oder anderen an bayerisches Bier gewöhnten Gaumen schwierig sein, denn alle Biere bestechen durch eine animierend-frische Säuerlichkeit, die den Bieren extrem gut steht. Mein Favorit neben dem ‚Classic’, das von der Brauerei selbst im Bierstil als ‚Obergäriger Säuerling’ bezeichnet wird, ist das Helle Altbier. Frisch, spritzig, lebendig.

Weiterhin noch auf der Messe war die neue Münsteraner Gasthausbrauerei Finne, die ihre Versuchssude im Gasthaus hinter der Theke macht, die Biere zur Flaschenabfüllung aber im oberfränkischen Zeil am Main herstellen lässt. Klassisches Gipsy… Wer kennt die Brauerei? Gibt’s ja nur eine… Auch Schoppe Bräu aus Berlin war erstmalig mit seinen neuen Bio-Bieren namens ‚BÄR’ auf der Biofach anwesend. Beide letzteren sind aus Zeitgründen leider hinten runtergefallen…

Seit einigen Jahren immer wieder auf der Biofach zu finden sind die Brauer von Störtebeker aus Stralsund. Etwas unübersichtlich ist das Sortiment aus konventionellen und ökologischen Bieren, doch die Zahl der Biobiere wächst stetig und beide Linien stehen für extrem gut gemachte Biere. Auch ein paar polarisierende, vielleicht nichtmassentaugliche Biere befinden sich im Sortiment, wie zum Beispiel ein süßes Hanse-Porter, ein Roggenweizen oder ein Scotch Ale mit 9% Alk. Neuester Coup ist die Anschaffung einer professionellen Eisbock-Anlage zur Herstellung größerer Mengen konzentrierter Eisbock-Varianten aus bestehenden Biersorten. Und da hat man natürlich gleich viermal zugeschlagen: Arktik Ale, Nordik Porter, Polar Weizen und Eis Lager sind alles wunderbar komplexe Likörchen, bei denen bereits das Schnuppern die unterschiedlichsten Aromen zutage fördert.

Und was kommt jetzt?

Ihr seht schon, trotz rückläufiger Bierabsatzzahlen tut sich auch im Bio-Bereich einiges, der Craftbier-Boom hat mit Sicherheit auch für eine belebende Diversität spannender Biere gesorgt. Und wenn es die dann auch in ‚Bio’ gibt, um so besser. Ich kann Euch -wie immer- also nur raten, die Augen offen zu halten, die Vielfalt der Biere ist heute so groß wie nie, immer wieder lassen sich spannende Biere finden. Und wer bis hier durchgehalten hat, darf nun gern auch seinen Senf dazu geben, den Artikel liken, teilen oder mir eins auf den Deckel geben (natürlich nur konstruktiv ;-)), wenn er die eine oder andere Sache anders sieht als ich.

Vielen Dank für Euer Interesse, demnächst mehr auf dieser und anderen Seiten, die gerade im Entstehen sind. Und vielleicht gibt’s ja bald die Neuauflage eines Biobierbuchs…

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